Welche Stile wurden für die Plakate verwendet?

Plakatstile in Europa bis 1980.


The woman in white. Fred Walker 1871. Holzschnitt.
The woman in white. Fred Walker 1871. Holzschnitt.
Druckerei Schiff Srpek & co Wien 1890? Plakat.
Druckerei Schiff Srpek & co Wien 1890? Plakat.

Kurzübersicht - Stilistische Entwicklung des Plakats 1860-1980

 

Während ein Passant im Jahre 1870 wohl noch hinreichend Zeit gehabt hatte, ein Plakat im Gehen zu betrachten, so änderte sich dies knapp 50 Jahre später, durch die Nutzung von Omnibus, Eisenbahn und Automobil gründlich.

 

Text-Bild-Plakat


Wie bereits erwähnt, entwickelte sich das moderne Plakat aus dem Textplakat, das in dessen Anfangsjahren meist lediglich ein vergrößertes Inserat einer Zeitung war.[158]

Nicht nur beim Textplakat, sondern ebenfalls beim Bild-Textplakat ist die Typographie (Schrift­gestaltung)[159] von äußerster Wichtigkeit.[160] Sie spiegelt ebenso den Zeitgeschmack hervor­ragend wieder, wird oft von Gebrauchsgrafikern entwickelt und geht im Idealfall in den täglichen Gebrauch ein, wie es die Schriften, „Lucian“ oder „Berlin-Sans“ von Lucian Bernhard [eigentlich: Emil Kahn] (1883-1972)[161] beweisen.

Als Inkunabel des modernen Plakats gilt Fred Walkers „Woman in White“ (s/w) von 1871 (Abb. 33), das ein mit über zwei Meter Höhe für einen Holzschnitt durchaus beachtliches Format aufweist. Es zeigt eine Theaterdarstellerin in stark vereinfachten Zügen und kommt mit nur wenigen Worten aus[162].

 

Die Verzierungswut des Historismus - Diplomstil


Weder die Kleinteiligkeit eines im „Realismus“ gemalten Plakates, wie es das anonyme um 1890 entstandene Plakat der „Buch- und Steindruck-Farben-Fabrik, Schiff Srpek & Co“ (Abb. 34) zeigt, noch das überreiche Ausgestalten, also der „horror vacui“ des Historismus, waren für die schnelle Betrachtung geeignet.

 

Erfrischend schlicht - japanischer Einfluss auf das Plakat


Die Einflüsse der japanischen Grafik, die in Frankreich sehr populär war und Edgar Degas (1834-1917)[163], Toulouse-Lautrec und viele weitere Künstler faszinierte, war durch Freilassen von Fläche, wie auch der neuen Perspektiven und Überschneidungen scheinbar wichtiger Figuren schneller zu erfassen und damit zeitgemäß.[164] Japans Grafik setzte einzelne Gegenstände oder Handlungen, im Vergleich zur europäischen und damit bevorzugt realistischen Malweise, deutlicher in Szene.[165]

Der Werbegegenstand sollte nun am Besten klar differenziert und mit einem Schlagwort angepriesen werden. Noch kurz zuvor wurde das Produkt selbst, welches verkauft werden sollte, einem künstlerischen Wert der Ausgestaltung untergeordnet. So kam die eigentliche Ware oftmals gar nicht zur Geltung und allmählich erfolgte das Umdenken.[166] Dies bedeutete nun das Weglassen akademisch anerkannter Formen der Malerei für die Plakatgestaltung. Leonetto Cappiello soll dies als einer der Ersten gefordert haben. Er hielt sich um 1900 bevorzugt in Paris auf. Laut ihm möge das Plakat sich in Zukunft nicht mehr an den Passanten alleine richten, sondern auch dem Autofahrer ebenfalls auffallen.[157]

 

Das Plakat wird lebendig 

 

Um 1900, so Gallo, habe sich das erzählerische Plakat, wie es de Toulouse-Lautrec beispielsweise schuf, gegen das symbolische Plakat der belgischen, deutschen, englischen und österreichischen „Art Nouveau“, der gerne Frauenmotive floral und ornamental mit der Schriftgestaltung zu einem Ensemble verband, durchgesetzt.[168]  

 

Das Sachplakat


Der deutsche Künstler Lucian Bernhard folgte dem reduzierten französischen Vorbild und hob das zu bewerbende

Produkt in den absoluten Vordergrund,[169] unter Weglassen sämtlicher ablenkender Elemente.[170]

Johannes Kamps zitiert Paul Mahlberg (1913) der eine: „[…] konsequente Abstraktion auf das Notwendige unter Verzicht auf das zum klaren Ausdruck Unwichtige […]“[171] beim Plakat forderte.

Julius Klingers strenger grafischer Stil kommt dem Bernhards nahe, ist aber mehr durch Illustration geprägt.[172]

Joseph Binder forderte 1936 für das Plakat, dass der Gebrauchsgrafiker eine „[…] klare und konstruktive Gestaltung der Objekte auf die zwei-dimensionale Fläche […] übertragen [soll] […], so dass ein Plakat ein Stadtbild beherrschen kann.“[173] Er gilt als einer der erfolg­reichsten und einflussreichsten Grafiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1934 brachte er das Buch „Color in Advertising“[174] auf den Markt, das sich mit der idealen Verwendung von Farbe in Grafiken für die Werbung auseinandersetzt. Für die Plakatanalyse hilfreich sind die jeweiligen Gedanken zu Anwendungsformen der Koloration in den einzelnen Kapiteln.[175]

 

Von der Allegorie zum Objekt - die Frau im Plakat


Anhand des Frauenbildes hat Pall beschrieben, wie sich Zeitstil bemerkbar macht. Galten in der „Belle Epoque“ und im Jugendstil noch erotische kokette Frauen angebracht, so kamen in den 1920er Jahren kleine Mädchen auf, die im NS-Staat von kühlen heroischen Frauen abgelöst wurden, welche nun die Ware anpriesen. Sie sind unterschiedlich charakterisiert im Vergleich zur folgenden Wiederaufbaugeneration. Hier ist die Frau an der Seite des Mannes mit jugendlichem Esprit, hoher Dynamik und Modebewusstsein ausgestattet. In den endenden 1960er Jahren wurde den Frauen zunehmend „Unabhängigkeit“ oder „Emanzipation“ zugestanden.[176] Zur Ware oder dekorativem Beiwerk degradiert wurden Frauen in den 1970er und beginnenden 1980er Jahren. Dabei sind sexistische Züge keine Seltenheit.[177]

 

Blut und Boden - der Nationalsozialismus und das Plakat 

 

Die endenden 1940er Jahre und beginnenden 1950er Jahre weisen im deutsch­sprachigen Raum zahlreiche verschiedene Stile in der Plakatgestaltung auf. Aufgrund der jahrelangen Isolierung und des Staatsterrors im Deutschen Reich, sowie der Ermordung oder Auswanderung kreativer Werbetreibender, standen daheimgebliebene Grafiker vor einer schwierigen Situation: Eine stilistische Weiterentwicklung, wie etwa in Großbritannien oder den USA, hatte nicht stattgefunden; so blieb ihnen die Erinnerung an die Vorkriegsstile oder „NS-Reichskunst“ mit ihren „Blut und Boden“-Epen.

 

Die neue Leichtigkeit - 1950er Jahre 


Doch Ende der 1950er Jahre zeichnete sich ein neuer Stil ab. Französische Grafiker scheinen in jenen Jahren ganz der expressiven Zeichnungen Chagalls (1887-1985)[178], Henri Matisses (1869-1954)[179] und Pablo Picasso (1881-1973)[180] erlegen zu sein, die Dänen nutzen neben Lithographie wie die Schweiz eine neue Sachlichkeit.[181]

Die US-amerikanischen graphic-designer setzten hingegen schon stark auf Fotografie, aber auch auf schlichte, meist kühle Sachplakate. Grundsätzlich ist erkennbar, dass sich die deutschsprachigen Künstler in diesen Jahren aller Stilmittel reich bedienten.

 

Die Fotografie und ihr Siegeszug im Plakat

 

Anfang der 1960er Jahre zog auch in Europa endgültig die Fotografieverwendung in die Plakatgestaltung ein, die bereits in der Weimarer Republik beachtlich ausgeprägt war, und verdrängte zunehmend die Zeichnung.[182] Im Moment sei aber – so eine Grafikdesignerin - eine Besinnung auf die Epoche der 1950er und 1960er Jahre, was Zeichnung und Humor angehe, feststellbar.[183]

 

Text: Matthias Bechtle, Wien.

Zitierweise: Bechtle, Matthias, Heinz Traimer DA m.s., Universität Wien 2012, S. 31-34. 


[158] Vgl. Klein Eva, in: Friedrich/Klein (Hg.) 2009, S. 218.

[159] Zur Typographie siehe Abbildung 388 im Anhang.

[160] Zur Typographie: Schindler 1972, S. 222-229. Ebenfalls Waidmann Stefan, Schrift und Typographie. Die Sprache der klassischen Schriften, Sulgen 1999.

[161] Vgl. Lexikon-Eintrag in: Altmann (Hg.) 2004, S. 474.

[162] Vgl. Spielmann 1973, S. 14. Ebenfalls zu diesem Plakat: Lemcke 1901, S. 158-159.

[163] Vgl. Lexikon-Eintrag in: Altmann (Hg.) 2004, S. 137.

[164] Zum Einfluss Japans auf das Plakat: Sponsel 1897, S. 1-7.

[165] Ebenfalls zum Einfluss Japans auf das Plakat: Vgl. Gombrich 1996, S. 525-526.

[166] Vgl. Pall 1987, S. 104-105.

[167] Vgl. Kriegeskorte1995, S. 32.

[168] Vgl. Gallo 1975, S. 297-298.

[169] Vgl. Plakate von Lucien Bernhard. In: Institut für Auslandsbeziehungen Homepage http://www.ifa.de/ausstellungen/ausstellungen-im-ausland/design/lucian-bernhard/ 2011

[170] Vgl. Kriegeskorte 1995, S. 34.

[171]Kamps 1999, S.41.

[172] Vgl. Kühnel 1997, S. 5.

[173] Joseph Binder, American Magazine of Art in: Pall 1987, S. 106.

[174] Binder, Joseph, Colour in Advertising, London 1934.

[175] Plakate werden von Binder nach folgenden Kriterien geordnet: „Effects gained by broad surfaces and by colour pattern“ (S. 34), „Geometrical treatment of a design in two colours“ (S. 38) „The playful use of colour“ (S .42), „colour expressive of warmth and distance“ (S. 46), „the shock poster“ (S. 50), “colour used for emphasis in a geometrical design” (das leichte kolorieren einzelner Partien um in geometrische Plakaten Perspektive zu erzeugen. (S. 54), „creating atmosphere“ (helle Lichtfarben) (S. 58), „effect gained by the rhythmical repetition of colour“ (S. 62), „the counterchange of colours in poster lettering“ und „historical atmosphere“ (Schrift und Bildmotiv) (S. 66), “sunshine suggested by light tones of colour” (S. 70), “effect gained by decorative lettering on bands of colour” (S. 74), “emphasis on colour that symbolizes the product” (beispielsweise blau für “Frische” (S. 78), “vivacity produced by broken patches of colour on white ground” (einige Partien sind nicht durchgehend koloriert und scheinen in den Hintergrund “auszulaufen” (S. 82), “mellow colouring used to give old – world effect” (langsames verschwimmen sanfter Farben um ein Gefühl des Vergangenen zu erzeugen?) (S. 84), “style achieved by limitation of colour” (S. 88), “dream- like effect of merging and subdued colours (S. 92), “theatrical colour” (für Varietes und Theaterstücke geeignet, erreichbar durch eine Ölgemälde Imitation) (S. 96), “form indicated by colour” (als Beispiel wird eine Landschaft beschrieben, die post- impressionistisch dargestellt ist) (S. 100), “colour photography used to create the illusion of reality” (S. 104), “details united by colour” (S. 108), “balance of colour” (um ein Gleichgewicht herzustellen, bei Oberfächen) (S. 112), “colour symbolism” (S. 116), “colour in the shop sign” (leuchtende Farben auf schwarzem Untergrund) (S. 120) und “broken colour as a background” (auslaufende, verschwimmende Farben) (S. 124). In: Binder 1934, S. 34-124.

[176]Vgl. Pall 1987, S. 105-106.

[177] Vgl. Abbildungen in: Schmerl 1980.

[178]Lexikon-Eintrag in: Altmann (Hg.) 2004, S. 103.

[179]Ebenda, S. 389.

[180]Ebenda, S. 468.

[181] Vgl. die Plakate der International Poster Annual, Allner W. H. (Hg.) 1946-1955.

[182] Vgl. Bonacker 2000, S. 18.

[183]Mündliche Auskunft Germaine Cap de Ville, Grafikdesignerin, Wien 2010.