Ist ein Plakat Kunst?

Das Plakat und die Gebrauchsgrafik in der Kunstgeschichte


Hollerbaum & Schmidt- für uns thätige Künstler 1900 Inserat
Hollerbaum & Schmidt- für uns thätige Künstler 1900 Inserat

Von der: „Galerie der Straße“[104] ist die Rede, von: „ […] Reklamekunst“[105], Kunstplakat und Künstlerplakat - und doch scheint sich die Kunstgeschichte nicht wirklich mit dieser Gattung anfreunden zu können oder zu wollen und drängt sie gerne weit von sich.


Jedenfalls scheint der Maler dem Grafiker und vor allem dem, der mit Werbung sein Geld verdient, weit überlegen.


Wie schwimmend die Begriffe Plakatmaler, Reklamekünstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch eingesetzt wurden, sowie das niedrige Ansehen des „Plakats“ an sich, sei hier kurz anhand des folgenden Beispiels aufzeigt. Um 1895 erlebte der deutsche akademische Maler Edmund Edel (1863-1934)[106] folgende Szenerie mit seinem Auftraggeber, dem er für ein Plakat ein hohes Honorar abfordern wollte:

 „Was woll`n Se für das Plakat haben, junger Mann?“ „400 Mark - - - ?“ (Ich pfefferte diese für damalige Verhältnisse kolossale Summe dem kleinen Herrn mitten ins Gesicht, innerlich vor Zweifel bangend). „Was? […] Ich habe gedacht: `n blauer Lappen [100 Mark]- -„. Darauf ich mit Würde: „Ich habe doch meinen Namen darauf gesetzt und Sie wissen, als Maler gelte ich immerhin etwas, ich habe bei Gurlitt und in der Kunstausstellung Bilder zu hängen.“ „So? ... Und was kostet das Ding, wenn Sie Ihren werten Namen nicht raufsetzen?“ Er hatte mich geschlagen, meinen Stoß pariert. Auf diese Missachtung meiner Kunstverdienste war ich nicht vorbereitet. […] „Ich werde Ihnen zwei Lappen [200 Mark] geben, weil Sie`s sind!“ Das waren meine ersten geschäftlichen Zusammenstöße und so verdiente ich meine ersten Lorbeeren auf dem Gebiete der Reklamekunst.“[107] 

Edmund Edel berichtet weiter von seinen Studienreisen und Aufenthalten in England, Belgien und Frankreich, wo das Plakat schon ein hohes Ansehen genoss und dem Scheitern des modernen Stils, in Bezug auf das Plakat, was die deutschen Länder angeht. Ernst Growald, ein Künstleragent (?) und späterer Mitarbeiter der Druckerei Hollerbaum & Schmidt, wurde nun sein Förderer[108] und verschaffte ihm zahlreiche Aufträge: 

 „Er hatte die Nase für das Kommende und dieses Riechorgan, das die Natur ihm in ausgiebigem Maße zur Verfügung gestellt, witterte „Morgenluft“. Die Morgenluft des Kunstgewerbes. Das Plakat begann eine eigene Kunst zu werden, wurde von der hohen Kunst bald nicht mehr über die Achsel angesehen, galt als ein Faktor im Wechsel der Auswertung. […] Aber bald sollte die Welt von dem Ruhm der Berliner Plakatkünstler widerhallen.[109]


1901 ist Johannes Lemcke überzeugt, dass das Plakat gewissermaßen ein Hybrid aus Text und Malerei/Grafik sei: „Die Mutter des Plakates ist die Reklame, während die Kunst Vaterstelle an ihm vertritt oder besser gesagt, vertreten soll. […].“[110] 

 

1912 formulierte Carl Liesenberg, dass Kunst originär sei, also kein Massenprodukt, da Kunst nicht maschinell hergestellt werden kann, sondern ausschließlich durch Können. Das Können wiederum bringe ein Kunstwerk hervor, welches das Beste seiner Art sei, gar eine Neuschöpfung bedeute.[111] [Ist demzufolge der Originalentwurf eines Plakates Kunst, doch der Druck nur Kunstgewerbe?!]


Für den österreichischen Grafiker Julius Klinger (1876-1942)[112] ist in den Jahren um 1910-1920 das Plakat reine Werbung für ein Produkt, das mit Kunst nichts zu tun habe. So dürfe ein Plakat nie einem Gemälde gleichen und schon gar nicht gezieme sich dies im umgekehrten Falle. Dass einige an das Plakat als Kunstwerk glauben, hänge mit der jungen Gattung zusammen, die zuerst von Künstlern bearbeitet wurde, bevor Gebrauchsgrafiker auftraten. Daher stamme nun dieses Missverständnis.[113]


1949 brachte Donnhofer recht prägnant das Verhältnis von Kunst und Gebrauchs­grafik (Plakat) auf den Punkt: „Ich habe noch keinen Kaufmann oder Industriellen gesehen, der seine Werbeplakate – und wären dieselben von den namhaftesten Künstlern – eingerahmt im Schlafzimmer oder im Salon aufgehängt hat. Hingegen habe ich schon sehr mittelmäßige Gemälde, Plastiken und Nippessachen in den Räumen jener Leute gefunden, die künstlerisch weit weniger beanspruchen, als es das Durchschnittsplakat bietet.“[114]


1969 sprach sich Zankl gegen eine zu künstlerische Gestaltung des Plakates aus, da dies nicht dessen Wesen wäre, sondern es ein: „vollwertiges Gebrauchswerk“[115] darstellen müsse.

Zur Einordnung der Plakate schrieb Max Gallo 1975: Das Plakat sollte niemals als Gemälde an­gesehen werden; man sollte es immer nur im Zusammenhang mit der bestimmten Werbekampagne sehen, zu der es gehört […] Ich würde daher sagen, dass man, wenn man die Geschichte des Plakates nach dem Krieg [II. Weltkrieg] verfolgen will, versuchen muss, die Umstände [sozialer Zusammenhang und Dialog mit dem damaligen Rezipienten] zu rekonstruieren, unter denen sie erschienen. Nur wenn man das Plakat als Teil der jeweiligen Werbeaktion, und nicht als Arbeit eines individuellen Künstlers sieht, kann man eine historische gültige Wertung vornehmen.[116]


Müsste demnach gar ein Künstler ein Plakat entwerfen, um diese Gattung der Kunst zuzurechnen? Ein Gebrauchsgrafiker hat schließlich „nur“ an einer Fachschule gelernt, während der Künstler, ausgebildet an einer Kunstakademie, Kritikern begegnet, die die Arbeit als „Kunstwerk“ definieren und bereit wären, einen festgesetzten Preis zu zahlen oder aber ebendort festlegen. Ferner wäre die Problematik der Zeitlosigkeit eines solchen Gegen­standes zu bedenken, welcher im schnelllebigen Werbealltag kaum gegeben zu sein scheint.[117]


Von einer Aura, die vom Kunstwerk ausgehe und die dem gebildeten Eingeweihten vorbehalten sei, nun aber durch das Erweitern des Begriffes der Ästhetik aufgelöst zu werden scheint, spricht 1985 Kunsthistoriker Willibald Sauerländer.[118] Und gerade die: „[…] kritische Freiheit der ästhetischen Erfahrung […]“[119] meint Sauerländer, sei schließlich das Instrument der Kunstgeschichte. Handelt es sich bei der Plakatforschung demzufolge also eher um eine Sach- und Kulturkunde, als um Kunstgeschichte im klassischen Sinne?[120]


Es mag sein, dass durch den Wegfall der zahlungsfähigen Aristokratie und des Bürgertums oder des Klerus in Zeiten der Kriegs- Zwischen- und Nachkriegszeit, das Plakat in einer recht günstigen Situation gegenüber der „hohen Kunst“ war. [120] Doch bis heute ist eben das „Kunstwerk“ im Normalfall ein Original, das nur einmal - also nicht massenweise - herge­stellt wurde. Da ein Plakat, massenhaft vorhanden, durch seine Hängung zudem allen zugänglich ist, fehle damit ein gewisses Mysterium, „die Aura“, des Besonderen, wie es Pall 1987 nennt.[122]

Nach Hans-Georg Gadamer könne damit auch der Moment des: „[…] Wahren […]“[123], als Erfahrung beim Betrachten einer Reproduktion, nicht erreicht werden.

So darf man nur hoffen, dass durch günstige Umstände ein Plakat eines Tages ein „Klassiker“ wird. Tatsache ist, dass der Gebrauchsgrafik meist abgesprochen wird, etwas mit „Kunst“ zu tun zu haben.[124]

Pall verortet das Plakat daher im Bereich der angewandten Kunst,[125] wo es dank der Bereitschaft der Menschen als: „neue Form der sozialen und psychologischen Ordnung - einer Ordnung - die auf dauerndem Wandel beruht.“ [126]angenommen wird. Die Meinung, dass das Kunstwerk als solches zweckfrei und schön sein soll, wie es Jahrhunderte lang tradiert wurde, ist heute noch oft anzutreffen.[127]

Pall schätzt das Verhältnis von Kunst und Plakat folgend ein: „War es noch bis Anfang unseres Jahrhunderts [20. Jh.] so, dass die künstlerische Gestaltung das Um und Auf der Plakate war, so wurde diese spätestens nach dem Einzug der Fotografie in das Medium jäh zurückgedrängt.“[128] 

Ob damit nun die „hohe Kunst“ im Plakat zu Ende war oder nicht, sei dahingestellt. Einen weiteren Hinweis, weshalb das Plakat aber doch mit zu Kunst gezählt werden darf, liefert Pall später nach. Er meint ebenfalls, dass mit Verschwinden der aristo­kratischen und kirchlichen Mäzene sich eine Lücke aufgetan habe, die große Firmen und Institute heute auffüllen. So wie dereinst mit Architektur, Skulptur und Malerei, in der Regel Auftragswerke, geworben wurde, so sei dies nun die Rolle der modernen Wirtschafts­werbung.[129]

Ernst Gombrich sprach 1996 von der: „Kunst des Plakats“[130], die sich um das Jahr 1900 etablierte. Für Kathrin Bonacker, die über die Illustrierte Anzeigenwerbung 2000 publizierte, ist der Gebrauchsgrafiker ein Künstler oder eine Künstlerin, der/die: „Kunst und Werbung“[131] zusammenfasse.

 



[104] Kühnel 1997, S. 28.

[105] Volger 1907, Buchtitel.

[106] Vgl. Biographie zu Edmund Edel in: Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Edmund_Edel2011.

[107] Edel, Edmund „Bahnbrecher der deutschen Plakatkunst“ - 3. Edmund Edel. Erinnerungen eines Säulenheiligen. In: Verein der Plakatfreunde e. V. (Hg.) 9. Jahrgang, Heft 1, Januar, Berlin 1918 (17-32) S. 17.

[108] Growald, der „Plakatfürst“ förderte ebenfalls Julius Klinger, Ernst Heilemann, Carl Schnebel, Albert Knab. Vgl. ebenda, S. 20-22.

[109] Ebenda, S. 21.

[110] Lemcke 1901, S. 145.

[111] Vgl. Liesenberg 1912, S. 52.

[112] Vgl. Biographie zu Julius Klinger in: Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Klinger. 2011.

[113] Vgl. Kühnel 1997, S. 28-29.

[114] Donnhofer 1949, S. 37.

[115] Zankl 1969, S. 181.

[116] Gallo 1975, S.315.

[117] Vgl. Kapner 1991, S. 21-22.

[118] Vgl. Sauerländer, Willibald, Der Kunsthistoriker angesichts des entlaufenen Kunstbegriffs. Zerfällt das Paradigma einer Disziplin? Veröffentlicht 1985. In: Busch Werner (Hg.) 1999, (293-329) S. 300.

[119] Ebenda, S. 317.

[120] Vgl. ebenda, S. 317.

[121] Zu Staat und Reklame oder Propaganda. Vgl. Liesenberg 1912, S. 259-278.

[122] Zur Innovation und Reproduzierbarkeit des Plakats. Vgl. Pall 1987, S. 158-159.

[123] Vgl. Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode, Einleitung XXXVIII. In: Nibbrig 1978, (297-301) S. 297.

[124] Vgl. Zembylas 1997, S. 105-109.                                                                                            

[125] Vgl. Pall 1987, S. 154.

[126] Ebenda, S. 152.

[127] Vgl. ebenda, S. 156.

[128] Ebenda, S. 118.

[129] Vgl. ebenda, S. 161–162.

[130] Gombrich 1996, S. 553.

[131] Vgl. Bonacker 2000, S. 17.


 

Austellungsplakat und Künstlerplakat

Plakat: Grosse Berliner Kunstausstellung 1893.
Eduard Hildebrandt Grosse Berliner Kunstausstellung 1893. Plakat.

Theo Ligthart unterscheidet 2000 grundsätzlich zwischen Ausstellungsplakat und Künstler­plakat. Das Erstere zeigt ein in der Ausstellung zu sehendes Kunstwerk oder wirbt für kulturelle Einrichtungen, wie etwa das Plakat „Grosse Berliner Kunstausstellung 1893“ (Abb. rechts).[132]



[132] Vgl. hierzu ebenfalls Zankl 1969, S. 125-135.

 

Henri de Toulouse Lautrec "Ambassadeurs" Aristide BRUANT vor 1897 Plakat.
Henri de Toulouse Lautrec "Ambassadeurs" Aristide BRUANT vor 1897 Plakat.

Ein Künstlerplakat stammt von einem Künstler und ist für Werbezwecke entworfen worden.[133] Beispielsweise de Toulouse-Lautrecs Plakat „Aristide Brunant“ (Abb. rechts), welches diesen Schauspieler zum Thema hat. Das Ausstellungsplakat kann losgelöst von einem Künstler sein, wie es meist mit Werbung für Museen gängig ist. Hierzu gesellt sich, wie Ligthart weiter feststellt, der Plakatkünstler. Diesen könne man folgendermaßen erkennen: „Unter Plakatkünstler versteht man professionelle Plakatgestalter – oft Grafiker, die aufgrund ihrer virtuosen Plakatgestaltungen als Plakatkünstler bezeichnet bzw. ausgezeichnet werden. Ihre Produkte werden gemeinsam mit den Künstlerplakaten unter den Begriff Plakatkunst subsumiert.“[134]

Um noch ein weiteres Medium zu eröffnen, zeigt Ligthart das „Kunstplakat“ auf, welches seit den 1960er Jahren: „als eigenständiges künstlerisches Medium genutzt [wird].“[135]. Es habe sich demzufolge gelöst vom Zweck des Plakats, „dem Werben“, hin zum Medium an sich. Es wurde also ein Mittel für die Kunst(produktion) und ist kein: „Künstlerplakat“[136]!

Muss Kunst zwangsläufig im Gegensatz zu Werbung stehen? Holger Liebs sieht beide in einer dialektischen Beziehung: „Für das defensive kunsthistorische Konstrukt einer autonomen ästhetischen Sphäre war und ist die Existenz vermeintlich trivialer Bildmedien wie Plakate […] essentiell. Umgekehrt zehrt die Werbeindustrie von den befreienden Bildideen der modernen KünstlerInnen […][137].

Schwer wiegt zudem der anrüchige Verdacht, dass eine Werbegrafik den Betrachter manipulieren könne und somit der eigentlichen Kunst Konkurrenz böte.[138]



[133] Für die deutschen Sparkassen wurden ebenfalls immer wieder Plakate von Künstlern gestaltet. Hierzu ein Kapitel bei: Friedl 1997, S. 39-59.

[134] Ligthart, Theo, in: Mittmanngruber 2000, S. 30.

[135]Ebenda, S. 31.

[136] Ebenda, S. 31.

[137]Liebs, Holger, in: Butin (Hg.) 2002, S. 186.

[138] Vgl. ebenda, S. 186.

 

Autor: Matthias Bechtle

 

Zitierweise: Bechtle, Matthias, Heinz Traimer DA m.s., Universität Wien 2012, S. 21-25.