Das Lebenswerk von Heinz Traimer

Heinz Traimer - kunsthistorisch betrachtet


Heinz Traimer um 1965 in seinem Wiener-Atelier.
Heinz Traimer um 1965 in seinem Wiener-Atelier.

Heinz Traimer - eine kunsthistorische Betrachtung

 

Heinz Traimer (1921-2002) war ein talentierter und in den 1950er und 1960er Jahren geschätzter Grafiker. Traimer wandte für seine Arbeiten in diesen Jahren hauptsächlich die Zeichnung an. [...]

 

Ausbildung

Der deutsche Grafiker gehörte zu den zwölf Schülern, die aus über tausend Bewerbern von 1949-1952 an der „Akademie für das graphische Gewerbe – Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker“ in München unter den angesehenen Professoren Eduard Ege und Eberhard Hölscher ausgebildet wurden.

 

Erste Arbeitserfahrungen

Im Anschluss konnte er unter anderem bei der damals bekannten Werbeagentur „Südgraphik“ erste Erfahrungen sammeln. Die Anstellung bei der „S-Reklame“ lässt sich nicht genauer erfassen. Höchstwahrscheinlich hat Traimer über die „Südgraphik“ erste Kontakte zum deutschen Sparkassen-Verlag hergestellt und für diesen erste Sparkassen-Plakate entworfen.

 

Österreich - Weltspartag 1955

Ohne bisher weiterführende Hinweise gelang es Heinz Traimer 1955 ein prestigeträchtiges Weltspartags-Plakat für die Österreichischen Sparkassen zu entwerfen. 1955/56 zog Traimer nach Wien und arbeitete dort zwei Jahre lang als Atelierleiter bei der Agentur „Koszler“. Koszler betreute zu diesem Zeitpunkt die „Zentralsparkasse der Gemeinde Wien“ und deren aufgrund der restriktiven Gesetzgebung äußerst zaghaften Versuche, Bankwerbung zu betreiben.


Eigene Siebdruckerei - "Kahlenberg-Graphik"

1957 machte sich der Grafiker, unterstützt von seiner Ehefrau Gertraude, selbständig. Heinz Traimer konnte die eigenen Grafiken in der von seiner Frau geführten „Kahlenberg-Graphik“ Siebdruckerei herstellen lassen.


Dominierende Stellung in der Bankenwerbung 

Vermutlich hatte Traimer seit 1956 fast zur Gänze die grafische Gestaltung der „Zentralsparkasse“ in seiner Verantwortung. Durch die Dominanz dieser großen Bank, die ihm als Grafiker und Werbetexter vollstes Vertrauen entgegenbrachte, konnte er sich mit seinen Ideen gegen den Widerstand der damals noch zahlreichen selbständigen Sparkassen durchsetzen. Traimer wählte humorige Bildergeschichten anstelle drohender Verarmungsszenarien für seine Plakatmotive. Zudem legte er in den ersten Jahren Wert auf eine Gesamterscheinung (corporate design) der Werbelinie. Als prägnantes Schlagwort wählte Traimer 1957 für die Zentralsparkasse“ den Namen „Z“ mitsamt neuem Logo und Schriftzug.

 

Künstlerische Merkmale

Die im „Traimer-Jahrzehnt“, also den Jahren 1955-1967, entstandenen Arbeiten zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:


- Schnelle Skizzen

 

- Schwarze betonte Umrisslinie (meist sauber ausgeführt)

 

- Verzicht auf (Foto)Realismus

 

- Reinbunte Farbflächen

 

- Knallige (poppige) Komplementärfarben

 

- Verzicht auf Rahmung

 

- Unterordnung der Typographie

 

- „Nasenmännchen“

 

- Humorvolle, selbstironische, nicht verurteilende Plakatmotive

 

- Leicht „lesbare“ Motivwahl

 

- Seltene Nutzung heimatbezogener (österreichischer) Motive

 

- Verzicht auf religiöse Motive

 

- Elegante „Hausfrauen“, adrette Kinder

 

- Besondere Ausarbeitung einer kleinen Partie in einer Grafik

 

- Wenn überhaupt dann eine kühle „Erotik“

 

- Übereinstimmung von Werbetext (meist Reimform) und -     Grafik

 

Werbepsychologie

Um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu erlangen, bediente sich Heinz Traimer in diesen Jahren der Technik der Bildergeschichten (Comics), wie sie seit Beginn des 19. Jh. bekannt ist, die er mit auffallender oft komplementärer Farbvielfalt versah. Werbepsychologisch betrachtet ist der Comic-Style nicht nur beim jüngeren Publikum, sondern auch bei Erwachsenen wirksam und beliebt, da er schnell und einprägsam Werbebotschaften zu vermitteln mag.

 

Vorbilder für Traimer

Weitere Anleihen zur Gestaltung dürfte sich Traimer bei den Kinderbuchillustrationen der 1900er bis 1930er Jahre geholt haben. Durch die hohe Druckqualität der hauseigenen Plakate entsteht in der Kombination von reduzierter Grafik und Koloration so oftmals der Eindruck, eine „Pop-Art“ Arbeit vor sich zu haben. Im wortwörtlichen Sinn (knallig, überraschend) mag dies zutreffen. Viel eher kam Traimer jedoch aus der Kunstrichtung der Koloristen und Expressionisten mit deren Vorliebe für farbige Flächen sowie betont starken Umrisslinien und wusste dies mit der Zeichnung der 1950er Jahre zu kombinieren. Selbstredend lehnen sich einige der Plakate Traimers ebenfalls an die Plakatkunst der Jahre von 1895 bis 1930 an (Auchentaller, Penfield, Karpellus, Klinger).

Traimer war ein hervorragender Rezeptionist der zeitgenössischen Strömungen. Er verließ sich hierbei hauptsächlich auf Abbildungen, die in der von Eberhard Hölscher herausgegeben „Gebrauchsgrafik“ (Magazin) erschienen. Durch die zahlreichen Auslandsreisen konnte Heinz Traimer weitere Vorbilder finden. Eine wichtige Inspiration dürften ihm zudem Tapetenmusterbücher gewesen sein. Bei seinen Figurendarstellungen verließ er sich auf Modezeichnungen und Modefotografien in Katalogen. Durch die Werbekongresse der europäischen Sparkassen hatte Traimer stets einen Zugriff auf deren Werbegrafiken. Er orientierte sich am Deutschen Sparkassenverlag, ohne aber dessen Arbeiten zu kopieren.[521]

 

Bedeutung Traimers als Grafiker

Traimers Originalität entspricht dem Talent zum Werbetexten und Erfinden komplexer Handlungsstränge in Grafiken. Gerade die Banken, die ein abstraktes Finanzprodukt (Konto, Wechsel, Sparbuch) verkaufen wollten, haben von Traimers Fähigkeit zur pointierten Wiedergabe eines Motives profitiert. Hierbei dürfte Traimers Herkunft aus einem Lehrerhaushalt (Kunst, Musik und Deutsch) von großem Vorteil gewesen sein. Für die damalige Zielgruppe der Sparkassen (Kinder und junge Erwachsene sowie Arbeiter und Angestellte) waren die Arbeiten Heinz Traimers unterhaltsam, lehrreich und sicher ansprechend gestaltet.

 

Arbeiten nach 1970

In den 1970er Jahren geht der Grafiker in der massenhaft gleichförmigen „corporate identity“ Werbung der Banken unter. Die dem Grafiker explizit vorgeschriebenen Fotografie-Motive, Texte und Typographie stellen aufgrund ihrer Banalität daher wohl kaum eine kunsthistorisch weiter zu verfolgende Angelegenheit dar.

 

Durch die Aufarbeitung der umfangreichen „Sammlung Traimer“ (2.500 Objekte) und der Suche nach weiteren Arbeiten des Grafikers Heinz Traimer lässt sich der Schluss ziehen, dass dieser Gebrauchsgrafiker aufgrund seiner hauptsächlichen Berufstätigkeit (1955-1980) für Österreichs Sparkassen, keine Rolle außerhalb dieser Werbegruppe spielte.

 

Wirtschaftliche Situation Traimers

Als Gebrauchsgrafiker, im Sinne eines schnellen Handwerkers, war Traimer sehr produktiv, originell und wirtschaftlich äußerst erfolgreich.

 

Kulturhistorische Bedeutung

 Seine Bankplakate und restlichen Entwürfe darf man als eine wichtige Bildquelle[522] für die österreichische Wiederaufbauzeit ansehen. Mit dem Gesamtlebenswerk konnte er zur Etablierung der heute allgemeingültigen Bankwerbung einen äußerst wichtigen Beitrag leisten, da er diese de facto für das Nachkriegs-Österreich mitentwickelt hat. Dabei schließt er aber nicht an die in der kurzen Vorkriegszeit und im NS-Staat gern verwendeten Mutter-und-Kind-Darstellungen an und entfernt sich von deren realistischer Darstellungsweise. Kunsthistorisch betrachtet bringt Heinz Traimer nichts Neues in seine Zeit ein und verweigert sich im Großen und Ganzen den jeweils vorherrschenden künstlerischen Strömungen.

 

Traimer - Künstler oder Grafiker?

Ob Traimer nun ein Künstler im Sinne der universitär gelehrten Kunstgeschichte war oder vielmehr ein „Handwerker“, soll jedem Betrachter selbst überlassen werden.

 

Traimers Arbeiten - Marktsituation

Das Interesse für Plakate, wie sie Heinz Traimer zwischen 1955 und 1970 geschaffen hat, ist mittlerweile wieder vorhanden. Die Arbeiten werden zwar heute großenteils als naiv empfunden aber gleichzeitig aufgrund der Ideenvielfalt bestaunt. Der Markt für solche Plakate in Auktionen entwickelt sich erfreulicherweise zum Positiven.[523] Banken und Museen zeigen sich ebenfalls vermehrt interessiert an der (kunst)historischen Entwicklung österreichischer Sparkassenwerbung.[524]

 

Nachwort

Heinz Traimer, der den Status eines Künstlers[525]innehatte, verfügte sicherlich über mehr Potential, als er letzten Endes nutzte. Das Lebenswerk ist erstaunlich, wenn man sich darauf besinnt, dass er, durch die Kinderlähmung bedingt, ein verhinderter Arzt war.

 

Heinz Traimer war ein respektabler und erfindungsreicher „Grafik-Künstler“.

 

Autor: Matthias Bechtle

Zitierweise: Matthias Bechtle, Heinz Traimer, Diplomarbeit m.s., Universität Wien 2012, S. 177-180.



[521] Um 1955 orientierte man sich an deutscher Sparkassenwerbung. Vgl. Neubauer 1994, S. 30 – 31.

[522] Zu Werbung als Quelle: Gangelmeyer 2007, S. 12-34.

[523] Vgl. Auktionsergebnisse für Reklame-Arbeiten im Auktionshaus „Dorotheum“ Wien 2011.

[524] Die Erste-Stiftung baut momentan ihr Archiv um und kaufte einige Traimer-Plakate an. Das Archiv der Bank-Austria wird ebenfalls reorganisiert.

[525] Siehe Absatz: III.1.3.