Wahlwerbung der SPÖ 1950er und 1960er Jahre

Wien-Wahl 1959, Franz Jonas Wahlkampf


Glückliche Familie - glückliches Wien. Wählt SPÖ. Plakat der Sozialistischen Partei Österreichs. Wien Wahl 1959?
Glückliche Familie - glückliches Wien. Wählt SPÖ. Plakat der Sozialistischen Partei Österreichs. Wien Wahl 1959?

Beispiel – Wien-Wahl 1959

 

Wie bereits erwähnt, trat der deutsch-österreichische Staatsbürger Heinz Traimer politisch nicht in Erscheinung, so war er folglich auch in keiner Partei Mitglied. Die drei Wahlkampf-Grafiken die er gestaltete sind nicht oder nur anonym signiert.

 

Da die (Z) Zentralsparkasse der Gemeinde Wien viele Mitglieder/Sympathisanten der damals noch Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) hatte und die erwähnte politische „Färbung“ des Bankhauses bekannt war, dürfte Traimer über diese Verbindungen zu Aufträgen der SPÖ gelangt sein.


Das Bildplakat mit dem roten Schriftzug (Parole): „Glückliche Familie - glückliches Wien. Wählt SPÖ“ (Abb. 333, 334) entstand für die Landtagswahl 1959. Das Plakat ist sehr aufwendig gestaltet und gliedert sich in zwei Ebenen. Im Vordergrund zentriert und dominierend ist eine in Farbe ausgeführte Kleinfamilie mit Kinderwagen zu sehen. Im Hintergrund sind sehr kleinteilig, in schwarz und weiß, mehrere Gebäude der Stadt Wien und Passanten skizziert.

Da weder die Beine der Frau oder des Mannes zu sehen sind, noch der Kinderwagen über Hinterräder verfügt, scheinen diese aus dem Wagen geradezu herauszuwachsen. Es erinnert an Blumen in einem Topf oder an den Hut-Zauber eines Zauberers.

 

Die Familie besteht aus Mann (Vater), Frau (Mutter) und Kleinkind (Bub). Drei­dimensionales ist allenfalls in den Gesichtern angedeutet. Der lachende schwarzhaarige Vater, im grünen Sakko mit gestreifter Krawatte zieht seine rechte Augenbraue hoch. Den linken Ellbogen hat er angewinkelt und legt eine Hand an die Hüfte. Er umarmt die vor ihm stehende Frau in rotem Obergewand. Sie hat große blaue Augen und schwarz-violette Haare, die modisch recht kurz geschnitten sind. Ihre Augenbrauen scheinen gepflegter, als die des Mannes zu sein. Ihre Züge sind weich gehalten. Mit offen stehendem Mund scheint sie den Betrachter anzuschauen. Die Frau schiebt einen angedeuteten Kinderwagen mit weißem Griff und grünen Unterbau. Das Verdeck ist schwarz und gelb gehalten. Eine Bordüre aus weißem Stoff, blauen Punkten sowie blauem Rand schmückt den Wagen. Das Kind, mit blonden Haaren und hellen blauen Augen, hat den Mund geöffnet. Seine Augen wenden sich dem Betrachter von unten nach oben hin zu. Es trägt einen blau und weiß gestreiftes Leib­chen und streckt beide Hände über das Verdeck heraus. Der Bub befindet sich verkehrt herum im Wagen. Auf dem weißen Hintergrund sind Szenen aus dem Wiener „Alltag“ vor bekannten Gebäuden dargestellt. Zu sehen sind im Uhrzeigersinn Wohnbauten der Gemeinde Wien, die Schaufensterfront eines Modegeschäftes (?) mit Autofahrer und Mopedfahrer (?), die Karlskirche sehr vereinfacht, ein Wohnbau aus den 1950er Jahren mit Sitzecke, Couchtisch und einer Leuchte. Der untere Rand zeigt alte städtische Architektur, wie die Wiener Staatsoper und einen Heurigen[1] in Grinzing mit dessen Dorfkirche.

 

Die linke Seite widmet sich Kindern und deren Erziehung. Eine Frau unterweist im Freien Kinder vor einem Baum. In der Szene darüber spielen Burschen Fußball und schießen gerade ein Tor. Kinder rutschen und spielen im Sand auf einem Spielplatz oder schwimmen in einem Schwimmbecken mit Ball und kleinem Segelboot. Die obere linke Hälfte schließlich zeigt die Gloriette von Schönbrunn, ein barockes Palais, ein Wohnhaus, das Riesenrad am Prater und den Stephansdom, dessen Turm zwischen dem Paar in der Mitte des Plakates aufragt. Zum Teil sind die skizzierten Personen sehr pastos dargestellt, so dass dem Bild eine gewisse Dynamik anhaftet.

Mit dem Angebot an Kultur, Einkaufs- und Wohnmöglichkeiten, der Freizeitgestaltung und Kinderbetreuung scheint die SPÖ ideale Rahmenbedingungen für eine glückliche Zukunft des Kindes der dargestellten Familie zu sorgen. Das Erreichte wird gezeigt, die Zukunft möge weiterhin so sein, scheint die Werbebotschaft zu suggerieren. Rot, die Farbe der sozialistischen Partei, passt selbstverständlich zum Schriftzug. Das bildnerische dargestellte Programm scheint in Erfüllung zu gehen, wenn man die darunter stehende Parole „Wählt SPÖ“ befolgt. Sie nimmt zentriert in breiten, serifenfreien, Lettern fast die ganze Breite des Plakates ein.

 

Das Plakat kann trotz der Kleinheit des dargestellten Hintergrundes als gelungen betrachtet werden, da die Kleinfamilie mit dem Schriftzug schon aus der Ferne betrachtet wirkt. Traimer, ganz in seinem Hang zu Narrativem, gibt hier sein ganzes Können preis. Einerseits der souveräne Umgang im schnellen Skizzieren, andererseits das durchdachte Konzept einer zu erzählenden Geschichte. Im Umgang mit Farbe scheint er aber einmal mehr etwas zu viel des Guten genutzt zu haben.

Stilistisch weist das Plakat im Hintergrund Ähnlichkeit zu Wilfried Zeller-Zellenbergs Zeichnungen (Abb. in Diplomarbeit) auf. Dieser 1910 geborene Wiener war hauptsächlich als Buch­illustrator tätig.[2]

Traimers Figuren sind jedoch stets von einer gewissen Schönheit und Eleganz, die den Figuren Zellers selten anhaftet. Ferner neigt Traimer zu sauberen Linien, die nicht wie bei Zeller gebrochen oder in verschiedener Stärke ausgeführt werden. Für Schraffuren, um Tiefe oder Farbe anzudeuten, setzt Traimer meist einzelne Striche neben­einander und nicht wie Zeller für eine Schraffur eine einzige durchgehende Linie. Zellers Schraffuren gehen auch in vielen Fällen über den zu füllenden Part hinaus. So findet man beispielsweise über den Umriss einer Jacke hinausgehende Schraffuren.[3]

 

Gerade im Ver­gleich zu den Wahlplakaten weiterer Grafiker für diese Wahl zeigt sich Traimers Singularität, die sich durch eine positive und fröhliche Gesamtstimmung - also positiver Emotion - auszeichnet. Es darf schon fast von einer gewissen Unschuld gesprochen werden, die diesem Werk anhaftet. Die meisten Konkurrenzplakate dieser Wahl zeigen Hell- und Dunkelkontraste, „Angriffe auf das Rathaus“, konventionelle „Mutter und Kind im Arm“ Motive, das „Aufzeigen“ der Missstände durch die Regierungspartei in Wort und Bild oder aber das drohende Szenario durch Einstellen der „sozialistischen“ Bautätigkeit im Wohnbau. Ebenfalls bemerkbar ist in der Darstellung der anderen, Foto-Realismus, der bei dieser Traimer-Arbeit nicht zu finden ist.[4]

 

Autor: Matthias Bechtle, Wien.


[1] Ein Heuriger ist ein gastronomischer Betrieb, der von Bauern oder Winzern geführt und saisonal geöffnet hat. Er entspricht der deutschen „Besenwirtschaft“.

[2]Zeller-Zellenberg 1973, Umschlaginnentext.

[3] Vgl. Abbildung. In: Ebenda, S. 206.

[4] Vgl. die Plakate des Wahljahres 1959 in der Sammlung der Wienbibliothek. 

 


Wahlwerbung - Prospekt der SPÖ um 1959

Sind Sie ein echter Wiener? Wahlprospekt der SPÖ Wien.
Sind Sie ein echter Wiener? Wahlprospekt der SPÖ Wien.

Ein kleiner quadratischer Prospekt (Abb.336) von 1959 oder 1964 (beide Wahltermine fanden an einem 25. statt) entpuppt sich beim Aufklappen als ein langes quer-rechteckiges Papier­format.

 Der Prospekt wurde vermutlich für die Wien-Wahl 1959 im Auftrag der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) hergestellt.

 

Die Titelseite teilt sich in zwei Hälften. Links ist auf rotem Grund der Schriftzug „Sind Sie ein echter Wiener?“ angebracht. Rechts hingegen gliedert sich der Prospekt in sechs hoch­formatige Felder.

Je drei schwarzweiße Fotografien und drei Zeichnungen auf unter­schiedlich monochromen (grün, blau und gelb) Hintergrund geben Wien-Themen wieder. Im Medium der Fotografie sind diese ein Porträt von Franz Jonas, Arbeiter auf einer Baustelle und Gemeindebauten der Gemeinde Wien. Zeichnerisch umgesetzt wurde der Prater mit dem Riesenrad, Wiens Staatsoper zur Zeit der Festwochen und Roland Rainers Stadthalle im 15. Bezirk.

Klappt man das Ganze auf (Abb. 337), so sieht man drei weitere Fotografien, eine davon rot eingefärbt. Nach einer Einleitung wird jeweils eine Suggestivfrage gestellt, die mit drei möglichen Antwortsätzen beantwortet werden können. Die nach Meinung der SPÖ richtige ist dabei schon wie bei einem Wahlzettel mit signalrotem Kreuz gekennzeichnet. Auf der Rückseite befinden sich Musterabdrucke von Wahlzetteln sowie weitere Informationen.

Auffallend ist, dass nur der Satz „Geh mit der Zeit – wähl SPÖ“ (Abb. 338) sowie zwei Mal das Wort „Achtung“ in Schreibschrift gestaltet ist.

 

Da nur der Inhaltsverantwortliche und der Herausgeber erwähnt sind und nicht der Grafiker, kann nur spekuliert werden, dass dieser Traimer war. Anhaltspunkt hierfür ist hauptsächlich die rechte obere Zeichnung „Prater“. Ein Mann und eine Frau küssen sich beim Spazierengehen und auf der Bank sitzt ein altes Paar zeitungslesend. Diese kleine Handlung in der Zeichnung spricht für Traimer, vor allem aber die Bäume mit ihren stilisierten Kastanienblüten in Form spitzwinkliger Dreiecke kommen immer wieder vor, wie sie das SPÖ-Plakat „Glückliches Wien“ (Abb. 333) oder die Grinzinger Hof - Werbung (Abb. 323)zeigen.

 



Wahl - Bundespräsident Franz Jonas (SPÖ)

Franz Jonas, Wahlwerbung der SPÖ 1965.
Franz Jonas, Wahlwerbung der SPÖ 1965.
Franz Jonas, Wahlwerbung der SPÖ 1965.
Franz Jonas, Wahlwerbung der SPÖ 1965.
Franz Jonas, Wahlwerbung der SPÖ 1965.
Franz Jonas, Wahlwerbung der SPÖ 1965.

Beispiel Bundespräsidentenwahl 1965

 

Für die Wahl zum Bundespräsidenten in Österreich am 23. Mai 1965 trat Franz Jonas für die Sozialistische Partei Österreich (SPÖ) an.

 

Die Werbeschiene, oder zumindest ein Plakat, ging von Heinz Traimer aus. Der Kontakt wurde mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wieder durch Dr. Josef Neubauer, Direktor der „Z“, hergestellt. Da Franz Jonas als Bürgermeister von Wien formal auch den Vorsitz der „Z“ innehatte, ist dies recht naheliegend. Ein Foto von 1965 zeigt „Z“ Generaldirektor Neubauer mit dem gewählten Bundespräsidenten bei einer Weltspartagsveranstaltung.[1]


Der Prospekt (Abb. 339) wurde als Straßenkarte für Österreich gestaltet. Auf der Vorderseite befinden sich Texte über den Bewerber, Fotografien, Zeichnungen und humorige Ratschläge. Die Rückseite zeigt eine Straßenkarte von Österreich. Die Ausführung der Texte, Fotografien und Zeichnungen geschah in einer schwarzweißen Koloration. Einzelne Wörter, Punkte und Linien hingegen sind in einem rötlichen Orange hervorgehoben.

Die Titelseite des Prospekts wird von einem großen und stark abstrahierten „?“ (Fragezeichen) dominiert. Es setzt sich aus einem orangenen, gespiegelten „S“ sowie der Zeichnung eines Automobilkennzeichnens mit dem Buchstaben „A“ (für Österreich) zusammen. Das nicht kolorierte Kennzeichen ist mit Schattenwurf wiedergegeben. Darunter steht „Strassenkarte 1:1,000,000“. Links und rechts von einer vertikalen schwarzen Linie getrennt, liest man in Orange die Schriftzüge „Wohin in Österreich?“ und „Wohin mit Österreich?“.

 

Die beiden nachfolgenden Seiten zeigen in vier Absätzen (Abb. 340)richtige Informationssuche zu Auto, Fahrtstrecken und politischen Wahlpersonen. Hierbei unterstützen jeweils rechtsstehend Zeichnungen, die humorvoll den falschen Weg darstellen, den Text.

So zeigt die Zeichnung zum falschen Fahrweg, wie ein Paar in seinem Auto Passanten nach dem Weg fragt und dabei zwei verschiedene Auskünfte erhält.

Am „Stammtisch“, bei Biergenuss und Zigarette ist die Informationssuche zu Politikern, wie sie diese Zeichnung suggeriert, ebenfalls nicht angebracht.

Franz Jonas selbst wird auf den folgenden Seiten vorgestellt in Wort und Bild. Eine ausführliche Biografie wird mit einer Porträt-Fotografie (links) illustriert. Auf drei weiteren Seiten ist der noch amtierende Wiener Bürgermeister Jonas in Alltag und Berufsleben zu sehen.

Knappe Absätze mit untergliederten Punkten stellen die Werte, die ein Bundespräsident haben sollte und die Jonas ohnehin in sich vereinen würde, vor.

 

Der Text endet mit „Österreich für JONAS für Österreich“ (Abb. 341). Die ausgeführte Arbeit ist von wenig Originalität und Eleganz geprägt. Die Fotografien sind viel zu dunkel und die schlecht gewählten Sujets wollen mit den Zeichnungen nicht recht harmonieren. Aber die Arbeit fällt auf und erfüllte wohl seinen Zweck als witzige „Geschenkgabe“.

 

Da Franz Jonas zum Bundespräsidenten gewählt wurde, schlug die SPÖ Heinz Traimer einen Titel oder einer dreistellige Autonummer als „Dankeschön“ vor - was er aber dankend ablehnte.

 



[1] Vgl. Fotografie bei Haiden. In: Haiden (Hg.) 2007, S. 89.